Karriereturbo Hooligankurve

07/04/2016  
Hier publiziert Bestseller-autorin 
Anitra Eggler
Ich duze meine leser*INNEN seit 12/2021. Ältere texte und PressetextE sind per sie. 
ich gendere selten im text – Lesefluss sticht. meine zuneigung gilt allen menschen. hauptsache mensch – menschLICHKEIT sticht.

Meine Karriere startete als Todesanzeigentexterin beim »Argentinischen Tageblatt« in Buenos Aires. Das war 1994. Meinen Aufstieg in die heiligen Hallen der Redaktion habe ich geliebten Nahtoderfahrungen in der Hooligankurve der Boca Juniors zu verdanken. Mein Fußballherz schlägt blau-gelb. Ich bin Scheißsammlerin – auf Argentinisch »Bostera« – und stolz darauf. Hier erfährst du, warum. 


BUENOS AIRES, 1994

Ich lebe seit November 1992 in der Metropole meines Herzens. Gleich nach dem Abi sind meine beste Freundin und ich ausgewandert. Wir wollten Leben lernen und noch eine Sprache. Buenos Aires war gute Luft – Liebe auf den ersten Atemzug.

Nachdem meine Bewerbung beim»Argentinischen Tageblatt«, der ältesten deutschsprachigen Zeitung im Ausland, gleich zu Beginn kläglich gescheitert war – »Sie können kein Spanisch und nicht Maschinenschreiben …«  –, hatte ich es Anfang 1994 endlich geschafft: Ich konnte schneller tippen als die Preußen schießen und war treffsicherer als Leon, der Profi. Und ich konnte Spanisch, allerdings: Gossenspanisch.

Zwar hatte ich im Rahmen eines halbjährigen »Kriegskasse-als-Callcenter-Zentralistin-beim- Otto-Versand-auffüllen«-Aufenthalts in Deutschland einen Spanischkurs für Fortgeschrittene besucht, um meinem autodidaktischen Redeschwall ein bisschen grammatikalische Basis zu verleihen, aber so richtig mit »Gschamster Diener«-Höflichkeit und Ehrerbietung sprechen – das konnte ich nicht und von Wollen auch keine Rede.


ICH KONNTE NICHT MAL SIEZEN

Das muss man in Argentinien auch nicht. Dort regiert mein geliebtes »vos«, das entspricht dem englischen »you« und das reicht, es sei denn, man hat es mit wirklich wichtigen Menschen zu tun. Also mit Politikern, Polizisten, Nobelpreisträgern, Rechts- und Kirchenvertretern und Respektspersonen aller Art, Stichwort: Weisheit und Alter oder Macht und Geld.

Bislang war ich dieser Spezies Argentinier nicht so intensiv begegnet, als dass man an meinem in der Straßenschule erlernten Vokabular hätte Anstoß nehmen können.

Ich hatte ja auch noch den »Blonde-Deutsche«-Bonus als Verbündeten. Heute glaube ich, dass er einer der Gründe dafür war, dass die Herausgeber des »Argentinischen Tageblatts« mich nicht umgehend von meinem Arbeitsplatz als Empfangsfräulein entfernten.


HALLO? DU, HERR FINANZMINISTER, WARTE MAL KURZ

Empfangsfräulein? Jawoll. Journalistenjobs waren damals schon Mangelware und bevor ich mir ein zweites Nein holte, holte ich mir die Chance auf ein Ja, änderte meine Taktik und sagte zu, als man mich fragte, ob ich auch an der Rezeption arbeiten würde. Dort hatte ich drei Hauptaufgaben: Telefonzentrale, Besucher empfangen, Anzeigen entgegennehmen und texten. 

Die ersten zwei Aufgaben waren eine Herausforderung. Beim Herausgeber Roberto T. Alemann handelte es sich um einen zweimaligen Ex-Wirtschaftsminister. Jetzt können Sie sich vorstellen, wer bei »Doctor Roberto« (so wohltuend unprätentiös wird in Argentinien mit Titeln umgegangen) anrief und erschien. Sie erinnern sich: Ich konnte nicht siezen!

Was sagst du dann zum argentinischen Finanzminister, wenn der auf dem roten Teppich steht oder in der Leitung hängt? »He, warte mal kurz, ich muss erst mal schauen, ob Doctor Roberto Zeit für dich hat...«? Nun ja, ich sagte so was Ähnliches...

Erschwerend kam hinzu, dass ich eine sehr gute Aussprache hatte. Man hörte nicht sofort, dass da eigentlich ein deutsches Fräulein mit astreinem Abitur an der anderen Leitung war, das formulierte wie ein Straßenkehrer und dabei verzweifelt versuchte, höflich im Rahmen seines Wortschatzes zu sein. Den »Blonde-Deutsche-Bonus« habe ich dennoch so lange eingeheimst, bis ich siezen konnte und den Konjunktiv in bester österreichischer Manier zweckentfremden im Namen der prätentiösen Höflichkeit.


TEXTEN IM ANGESICHTS DES TODES

Parallel zu Telefon und Empfang musste ich auch Anzeigen annehmen, und zwar die, die persönlich überbracht wurden. Und das waren zu 90 Prozent Todesanzeigen, zu sieben Prozent Vereinsnachrichten – kennst du den Uralt-Witz mit den Wandervögeln? So war das, nur ernst gemeint –, zu drei Prozent Glückwünsche und Geburtsanzeigen.

 

Die Todesanzeigen wurden mein Spezialgebiet. 

Über die Menschen, die da am Jugendstil-Tresen der Verlagsvilla in Juncal 831 im Mikrozentrum von Buenos Aires strandeten, könnte ich Bücher schreiben. Täter und Opfer des Ersten (!) und des Zweiten Weltkriegs. Mörder und Minderheiten, Verfolger und Verfolgte, Geschichte zum Anfassen. Das »Tageblatt« – seit 1874 im britischen Sinne liberal und während der Nazizeit verboten – vereinte die Kriegsgegner durch seine Monopolmacht als einziges qualitatives deutschsprachiges Medium.

Und jetzt formuliere mal die Trauerbedürfnisse von 90-Jährigen, die gerade ihren Lebenspartner verloren haben und ihre deutsche Sprachfertigkeit, willentlich oder nicht, Jahre zuvor. Das war eine Kür, die mich oft zum Mitweinen gebracht hat  – in diesen Momenten habe ich die ergreifendsten Todesanzeigen verfasst.


WO DAS HERZ SCHLÄGT UND DER HASS KOCHT: WILLKOMMEN IN DER HOOLIGANKURVE

Emotionale Extreme zogen mich auch fern der Arbeit in ihren Bann. Jeden Sonntag frönte ich mit meiner besten Freundin und Partnerin in Crime seit Grundschultagen einer lebensgefährlichen Leidenschaft. Wir besuchten die Spiele der Boca Juniors. Wir erlebten den argentinischen Fußballwahnsinn live, aber nicht in einer sicheren Loge, sondern dort, wo sein Herz schlägt und sein Hass kocht: in der Hooligankurve mit  der gefürchteten »La Doce«, dem stets gewaltbereiten 12. Spieler von Boca. »Bosteros« werden die Boca-Hooligans genannt.

Die Bedeutung des Worts hat mir Doctor Roberto erklärt, es heißt »Scheißsammler« und das ist eigentlich noch schmeichelhaft. Denn ohne Vorurteile bedienen zu wollen, das Vorstrafenregister der Hooligans füllt sicher mehr Seiten als das Neue Testament.

Hätte meine Mutter die Menschen gesehen, neben denen ich stand und mit denen ich sang und hüpfte – sie wäre mit eigenen Armen nach Argentinien geflogen, um mich abzuholen. Ich hätte sie verstanden. Es war wirklich gefährlich und jeder Sonntag eine kleine, heißgeliebte Nahtoderfahrung.


MESSER, DROGEN, FEUERWAFFEN: SONNTAGE MIT DER FUSSBALLFAMILIE

Bereits der Weg ins Stadion barg einiges an Verletzungsgefahr. Den Einlass regelte die berittene Polizei, kontrolliert wurde mit dem Schlagstock. Das Resultat: Messer, Drogen, Feuerwaffen – alle waren bewaffnet, nur zur eigenen Sicherheit, versteht sich. Es war wahnsinnig, sich da mittenrein zu begeben. Aber es war wahnsinnig adrenalinhaltig und wahnsinnig echt. 

Ich hatte an keinem Ort der Welt je wieder das Gefühl, so sehr Volksseele zu sein wie in der Hooligankurve der Bombonera.  Und ich war Teil davon, obwohl ich als Frau dort nichts verloren hatte. Frauen beim berüchtigten 12. Boca-Spieler, Frauen bei der »Doce« sind wie Feuer und Benzin. Auch deshalb gehen sie nicht hin. Wir schon, allerdings als »Mann« verkleidet, so gut das halt gelang.


GEHT MIT GOTT, ABER GEHT WEITER

Wir haben fast nie Eintritt und auch kein Schmiergeld bezahlt, um Zutritt zu den oftmals ausverkauften Spielen zu bekommen. Die verschwitzten 20 Pesos, die ich immer für den letzten Türsteher am Eingang zur Hooligantribüne in der Faust hielt, wurden stets abgelehnt mit ablassbriefartigen Aussprüchen wie: »Wenn ihr lebensmüde seid, geht mit Gott, aber geht! Ich habe euch nicht gesehen.  Damit möchte ich nichts zu tun haben.«


KARRIEREDURCHBRUCH DANK DER SCHEIßSAMMLER

Eines schönen Montags, Boca hatte am Tag davor den Erzfeind River Plate in der Bombonera besiegt, stand ich heiser und high an meinem Jugendstil-Tresen im »Tageblatt«. Der dunkelgraue Ford Falcon von Doctor Roberto schnurrte in den Patio. Wenige Sekunden später kam er zur Tür herein.

Spätestens jetzt muss ich erwähnen, dass Doctor Roberto die Ausstrahlung eines Elder Statesman hatte. Das Verrückte: Doctor Roberto war Boca-Fan, obwohl Boca der Arbeiterverein ist und Menschen wie Doctor Roberto deshalb in 99,9 Prozent aller Fälle River Plate zujubelten. Das wusste ich damals erst seit Kurzem und so konnte ich meine Begeisterung nicht zähmen. »Buen día, así que vos tambien sos bostero!« (Guten Morgen, also echt, du bist ja auch Scheißsammler!) begrüßte ich ihn in bestem Hooligansprech.

 

Doctor Roberto starrte mich an wie etwas, das direkt aus einem sowjetischen Raumschiff in die Empfangshalle seiner Verlagsvilla gefallen war. 

Dann lachte er. 

Sehr.

Ich erzählte ihm, dass ich im Stadion gewesen sei, und barst fast vor lauter Begeisterung über das Erlebte und den Sieg. Er übersetzte mir das Wort »Bostero« und erklärte mir, dass im Stadtteil Boca noch so lange Pferdekarren statt Autos gefahren seien, dass die Boca-Bewohner deshalb abschätzig als »Scheißsammler« tituliert wurden, ebenso natürlich die Fans des Stadtviertelvereins.


ERIKA WIRD MALTRÄTIERT, DER LOHN IST EIN REDAKTEURSJOB

Doctor Roberto fragte mehrmals, ob das mit den Stadionbesuchen in der Hooligankurve mein Ernst war. Ich sah, wie das Weltbild in seinem klugen Kopf wankte. Eine Frau im Stadion. Eine Frau bei den Hooligans! Eine deutsche Frau bei den Boca-Hooligans! Eine blonde blauäugige junge deutsche Frau bei den Boca-Hooligans!!! Er wusste wohl selbst nicht, ob er entsetzt oder begeistert sein sollte. Deshalb handelte er wie ein echter Herausgeber und gab seiner Verblüffung ein Geschäftsziel:

»Können Sie etwas darüber schreiben?«, fragte er.

Ich nickte und wäre vor Vorfreude fast auf die Knie gefallen. Ich malträtierte meine weltkriegserfahrene Schreibmaschine Erika (von Opa geerbt) die ganze Nacht und gab meine Reportage am nächsten Morgen ab. 24 Stunden später hatte ich einen Job in der Redaktion. Ich bekam sogar eine eigene Kochkolumne, der ich es verdanke, dass ich richtig lecker kochen kann. Sie hieß »Kulinarisches aus deutschen Landen«, aber das ist eine andere Geschichte. 

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Anitra eggelr

Anitra Eggler ist Web-Veteranin und Digital-Detox-Pionierin, sie bringt Menschen und Unternehmen in Screen-Life-Balance. Der ORF bezeichnet die Bestsellerautorin als „die gefragteste weibliche Stimme zur Digitalisierung“, ihre Mutter nennt sie „Fräulein Fröhlich“. Anitras Auftritte als Keynote Speakerin, ihre Bürokrieger*innen-Bootcamps und Bücher haben bereits über 250.000 Menschen begeistert und humorvoll digitaltherapiert.

Anitra wurde 1973 in Karlsruhe geboren, startete ihre Karriere als Todesanzeigentexterin in Buenos Aires, war in den 90er-Jahren als Journalistin erfolgreich und zählte als Startup-Managerin zur Medien-Avantgarde der Digitalwirtschaft. 2011 wurde sie durch ihren ersten humorvollen Digitalisierungsratgeber „E-Mail-macht dumm, krank und arm“ zur Digital-Detox-Pionierin.

Wie Screen-Life-Balance erfolgreich funktioniert, lebt die leidenschaftliche Infopreneurin vor: Anitra meditiert und programmiert, sie sammelt Sonnenaufgänge und Momentglück, sie arbeitet maximal digitalisiert und lebt ohne Uhr in der Schweiz – Zeit ist ihre Rolex.


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