43: Bist du noch du #selfie? Selfie-Special: Krasse Fakten und 7 Tipps gegen den Selfie-Wahn unserer Gesellschaft

25/04/2023  
Hier publiziert Bestseller-autorin 
Anitra Eggler
Ich duze meine leser*INNEN seit 12/2021. Ältere texte und Pressetexte sind per sie. Ich gendere stets in Gedanken, 
Im text seltener – Lesefluss sticht. Meine Zuneigung gilt allen Menschen. Hauptsache: Mensch. 

Willkommen zu einer Blitztherapie gegen Selfie-Wahnsinn. Selfie-Wahnsinn hat viele Gesichter. Im Urlaub erleben wir inzwischen Menschen, deren Urlaub einer Selfie-Safari gleicht. Selfies vor Sehenswürdigkeiten und in krassen Situationen sind eine Währung für ein vermeintlich glückliches, erfolgreiches Selbstbild geworden. Diese Währung ist wie Falschgeld. Den Preis zahlen die Nutzer am Gipfel der Selbstdarstellung auch mit dem Tod #lastselfie. 

Wusstest du, dass in vielen Handymodellen Beauty-Filter automatisch aktiviert sind? Kein Wunder, dass immer mehr Menschen einen Realitätsschock bekommen, wenn sie in den Spiegel schauen. Fatale Konsequenz: Besonders Frauen wollen zunehmend so aussehen, wie das künstlich getunte Selfie-Ich. Das Schönheitsideal ist eine avatareske Instagram-Schablone: große Augen, schmale Nase, dralle Lippen. Sogar Schönheitschirurgen schlagen Alarm: Immer mehr Jungendliche wünschen sich Botox und Filler, um auszusehen wie ihre schöngefilterten und schöngespritzten Rollenmodelle auf Instagram. 

Neben all den gruseligen Selfie-News und dem blutigen Beautiful-Video von Selfie-Aktivistin Cristina Aguilera gibt es auch was zum Lachen: Zwei Hunde, die dieselben Selfie-Zombies geworden sind wie ihre Menschen. Mit Videobeweis!

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HOW-TO: Blitztherapie Selfie-Wahnsinn

Ich spreche und filme so schnittarm es meine Tagesform erlaubt. Hier findest du einen How-to-Artikel zum Thema, ggf. auch Links zu Quellen und Studien und in vielen Fällen wertvolle Zusatztipps.


Selfie-Wahnsinn: Anitra Eggler zeigt das Wort Selfie in einem Bilderrahmen.

Be yourself, not your #selfie: Wer bist du? du selbst oder dein #selfie?

Woran erkennst du einen Selfie-Zombie? Daran, dass er vom Leben nichts sieht außer seine Kameralinse und den Rücken anderer Menschen, die auch gerade Selfies machen. Wer alles fotografiert, verpasst den Moment und gibt gleichzeitig vor, ihn zu feiern. 

Der allgemeine Selfie-Wahn hat Paparazzi arbeitslos gemacht. Die Stars von heute fotografieren sich selfie: im Bikini und im Bett. Die Selfies veröffentlichen sie freiwillig. Da haben sie den Filter in der eigenen Hand. Filter? Jepp. Beauty-Filter. Der Teufel steckt bereits im Namen.

Was sind Beauty-Filter und was machen sie?

Beauty-Filter filtern die natürliche Schönheit und Individualität aus dem Gesicht. Beauty-Filter glätten die Zeit. Falten, Pigmentflecken, Pickel – alles, was vermeintlich stört, weil es nicht dem glatten Barbie-Ideal der Zeit entspricht, verschwindet. Es entsteht der alterslose Look einer faltenfreien, porenreinen Babyhaut, die nie alterte und nie altern wird. 

Beauty-Filter und Foto-Retusche Apps bieten auf Knopfdruck Funktionen, die das Gesicht tunen: Augen größer machen? Ein Strahlen in die Pupille bringen? Nase verkleinern? Lippen vergrößern? Gesicht schmälern? Kinn markanter machen? Mundwinkel hochziehen? In Sekundenschnelle passiert.  

Das Endergebnis sind Gesichter, die der Insta-Norm entsprechen. Abziehbilder von Rollenklischees, die Frauen eigentlich seit Jahrzehnten ablegen möchten. Oder habe ich da was falsch verstanden? Emanzipation? Hat in Foto-Filtern und Apps nie stattgefunden.  Frauen werden – vermeintlich – schöner: ewig jung und verführerisch. Männer werden markanter und heroischer.

Me, my selfie and I: 28 Bilder für ein Selfie

Selfies sind eine kulturelle Norm geworden. Corona hat das verschlimmert. Je weniger wir uns in echt sehen, desto einfacher ist es, ein digitales Abbild am Leben zu erhalten. Werden wir zu unseren eigenen Avataren?

Jugendliche brauchen im Schnitt 28 Selfies, um eines zu finden, dass sie posten können – natürlich erst nach eingehender Optimierung mit Retusche-Filtern und Apps. 

Was ist ein Selfie?

Kurze Definition, damit wir vom selben sprechen: Ein Selfie ist ein mit dem Handy fotografiertes Selbstporträt. Porträt ist etwas übertrieben. Ein Selfie wird ratzfatz gemacht. Porträt klingt nach Arbeit und Qualität. Ein Selfie ist eher ein Foto-Quickie mit dir selbst. Deshalb auch das „ie“ als Endung. Die Endung betont das Flüchtige. 

Selfie: das wort ist ein katerprodukt

Der älteste Beleg für das Wort „Selfie“ stammt aus einem australischen Onlineforum. Ein Jugendlicher dokumentierte dort im Jahr 2002 Verletzungen, die er nach einer berauschten Nacht erlitten hatte. Nach dem Filmriss wachte er morgens auf, sah die Verletzungen in seinem entstellten Gesicht und erkannte sich nicht wieder. Er machte ein Foto von sich, postete es und schrieb darunter:  

„I had a hole about 1cm long right through my bottom lip. And sorry about the focus, it was a selfie.“

Nach dem Katerprodukt ist es Zeit für ein Hundevideo

Copyright: © SB Creation via Instagram 

Machen Selfies selbstsüchtig? Ja.   

Sogar Tiere sind betroffen. Es gibt inzwischen einige Narzissmus-Studien (gaaaaaanz unten verlinkt), die bestätigen, dass Selfies selbstsüchtig machen. Google schätzt, dass jeden Tag 93 Millionen Selfies geschossen werden und jedes dritte Foto der 18- bis 24-Jährigen ein Selfie ist. Kamerafilter werden von mehr als einer Milliarde Nutzern von Facebook, Instagram, Messenger, Snapchat und dem chinesischen Datenbagger TikTok eingesetzt.

Die Untersuchung von Google zeigt, dass Selfies das Verhalten auf Online-Plattformen prägen wie nie zuvor: 70 Prozent der Nutzer von Android-Handys nutzen ihre Kamera für Selfies. 

Selfies sind eine Selbstwert-Währung

Die Welt wird zunehmend nur noch als Bühnenbild empfunden.

Sehenswürdigkeiten sind Kulisse. Fototapete. Mehr nicht. Vermeintlich spontane Schnappschüsse werden inszeniert.

 Faustregel für das perfekte Selfie: 100 Bilder machen, 50 Filter ausprobieren, ein Foto posten. Danach ist keine Zeit mehr, die Sehenswürdigkeit anzusehen. 


Tourismus-Branche wirbt mit „instaworthy views“

Die Realität wird bis zur Unkenntlichkeit schöngefiltert. Einziges Ziel: möglichst viele Likes in den sozialen Medien. Deshalb werben Hotels, Airbnbs, Restaurants und alles, was Publikum anziehen will, heute bereits mit „instaworthy views“. 


Wenn es kein Selfie gibt, hat es nicht stattgefunden

Ich war in den vergangenen Wochen in Paris und in Mailand. An beiden Orten habe ich rund um die Sehenswürdigkeiten eine Extraportion Selfie- und Gruppenselfie-Wahnsinn erlebt.

Ich habe den Eindruck, dass viele Touristen die Sehenswürdigkeiten nur noch auf dem Bildschirm ihres Handys sehen. Eine Vielzahl der Urlauber sieht nur noch sich selbst. Ist das noch Urlaub?

Selfie-Safari statt Urlaub

Es spricht nichts dagegen, im Urlaub zu fotografieren. Natürlich nicht. Aber die Jagd nach Beweisfotos und Like-Fotos, die ist das Problem. Die Sofortness des Teilens. Fotos werden gefiltert. Die Wahrnehmung scheint wahllos.

Eiffelturm? Egal. Hauptsache ein Highlight? Mailänder Dom? Egal. Hauptsache, das Bild macht was her. Hauptsache, ich sehe gut aus. Der Dom ist nur Tapete. Nur ein Beweis fürs Dortgewesensein. An einer weiteren Selfie-Sammelstelle. 

Sehenswürdigkeiten als Selfie-Sammelstelle 

Reiseziele werden nur nach Like-Potenzial ausgewählt. Paris? Die kleinen Gassen? Wein zum Mittagessen und dann leicht bedudelt die Stadt einatmen? Nope. Schnell zum Eiffelturm und das perfekte Selfie jagen.

Es geht ja gar nicht um Paris. Die Stadt, die Welt, die Reise: egal. Es geht um die Botschaft: Ich bin hier in Paris und du bist im Büro. Schau mal, wie geil mein Leben ist!
Kaum ist der vermeintlich perfekte Schnappschuss im Kasten, gehen sie weiter und drehen sich nicht mehr um. Die einzigen, die das Bauwerk gesehen haben, sind ihr Rücken und die Handykamera.


Burnout durch Selfie-Stress im Urlaub?

Abgesehen davon, dass alles verpasst wird, stresst der Selfie-Druck. Die permanente Inszenierung und der Drang, das perfekte Foto zu machen, führt zu innerer Unruhe. Früher war Abschalten im Urlaub. Dann kam die ständige Erreichbarkeit. Darunter leidet die Boomer-Generation. 

Millennials und Generation Z leiden im Urlaub unter Selfie-Stress

Die Urlaubsmomente werden nur noch inszeniert, nicht mehr erlebt. Die Fähigkeit zum Abschalten und Eintauchen geht völlig verloren.

Das sorgt langfristig für eine ganz fiese innere Leere. Weil man nichts mehr wirklich erlebt. Und gar nicht da ist, obwohl man dort war.

Wenn der Blick in den Spiegel dann auch noch zu einem Realitätsschock führt, ist es nicht mehr weit bis zur InstaDepression. 


Lang lebe der Urlaub im Funkloch

Das war meine erste Therapiemaßnahme in den 00-er Jahren als ich merkte, ich bin handysüchtig. Dieses Jahr mache ich wieder einen Sommerurlaub im Funkloch.

Nicht, weil ich selbst so dringend abschalten müsste. Mein Handy habe ich ganz gut im Griff, es stresst mich nicht.

Mich stressen Smartphone-Zombies. Ich werde bei ihrem Anblick zunehmend kulturpessimistisch.

Nachdem mich im letzten Ayurveda-Urlaub eine 59-jährige Staatsanwältin (!) ohne mein Wissen während eines Stirngusses gefilmt hat und ich mich später auf ihren Selfies auf Facebook wiedergefunden hatte, vermeide ich Orte, die es Smartphone-Zombies ermöglichen, mich zu sehr aufzuregen. 

Ergo: Ich verschwinde auf eine griechische Insel, auf der es nur nachts 2 Stunden lang Strom gibt.

Eine Woche ohne Selfie-Zombies gibt mir eine Extraportion Geduld für die nächsten paar Monate mit intensiver Smombie-Recherche. Dann brauche ich die nächste Auszeit fern von Strom und Smartphone-Zombies, denen zunehmend der Blutkreislauf abhandenzukommen scheint – zumindest in der Gehirnregion. 

#LastSelfie: ToD am Gipfel der Selbstinszenierung 

Jährlich sterben mehr Leute beim Selfie machen als bei Hai-Angriffen. 

Eine spanische Studie hat die Selfie-Unfälle seit 2008 analysiert. Es werden immer mehr.  

Die Zahl der Menschen, die auf der Jagd nach dem perfekten Selfie verunglücken, steigt. Aktueller Negativ-Rekord: Zwischen Januar 2021 und Juli 2021 sind 31 Menschen gestorben – ein Selfie-Toter pro Woche. Fast die Hälfte davon war unter 20 Jahre alt. 

Besonders rund um Sehenswürdigkeiten lassen sich die Selfie-Jäger zu waghalsigen und lebensgefährlichen Aktionen hinreißen. In Indien gibt es die meisten Selfie-Toten. Deshalb hat die Regierung selfie-freie Zonen durchgesetzt. 

Todesursache: Sucht nach likes

Woran sterben Selfie-Smombies?

Todesursache Nummer 1: Sie fallen von Dächern, Balkonen, Bergspitzen und Wasserfällen. Auf Platz zwei: Verkehrsmittel, Fotos im Wasser und mit Waffen. Platz drei: Selfies mit wilden Tieren. 

Das erste Mal, dass ich persönlich Angst hatte, dass ich einen Selfie-Unfall erleide, war 2018 in Namibia.

Dort war ich als Volontärin in einem Waisenhaus für wilde Tiere im Arbeitsurlaub. Die anderen Volontäre machten so viele Selfies mit den Geparden, dass sie die Körpersprache der Tiere nicht beachteten. 

Selfie-Smombies bringen andere in Gefahr

Hauptsache, geiles Foto mit einem wilden Tier. Es war widerlich. Und gefährlich. Ich war die einzige, die dann begonnen hat, sofort die Gehege zu verlassen, sobald der Selfie-Wahnsinn losging. Dennoch wäre ich fast von einer Hyäne angefallen worden. Aber das ist eine andere Geschichte. 

Kurze Atempause. Zeit für ein süßes Tiervideo.

76,7 Tausend Menschen haben Video des Teppichhändlers Floorkraft geteilt. 

© Floorkraft via Instagram.



Früher hat man gesagt: Der Spiegel lügt nicht. Heute sagt man: Smartphone-Kameras sind wie Spiegel. Doch der Selfie-Kamera-Spiegel lügt.

-- Anitra Eggler --


Bist du noch du #selfie?

Jeder von uns hat inzwischen einen digitalen Doppelgänger, ein digitales Abbild. Viele von uns haben noch zusätzlich einen Avatar, den ihr Handy erstellt hat oder eine künstliche Intelligenz, was meist dasselbe ist.

Interessant ist, jeder Avatar, den eine App von deinem Abbild baut, sieht jünger, faltenfreier und vermeintlich perfekter aus als du. Die Apps machen das automatisch. Egal wie alt du bist, dein Avatar ist immer jung, faltenfrei und stereotyp: Große Augen, schmale Nase, pralle Lippen, markantes Kinn – wenn du ein Mann bist oder als Mann wahrgenommen werden willst. 

Falten sind intensives Leben auf kleinstem Raum. Wollen wir unser Leben auslöschen?

Wir werden oftmals gar nicht mehr gefragt. Automatische Filter sind bei vielen Handys vorinstalliert. Beauty-Filter implizieren, dass man selbst nicht schön genug ist. Da fängt die Selbstbildsabotage bereits beim Begriff an. 

Psychologen warnen davor, dass man durch exzessive Selfie-Filter immer weniger in Kontakt mit dem eigenen Selbst kommt. Man spürt sich nicht mehr. Man sieht sich nur noch schöngefiltert. 

Aktive Selbstbildverzerrung ist normal

Der durchschnittliche Jugendliche macht 28 Selfies, bis er eines gefunden hat, das ihm so gefällt, dass er es nach intensiver Behübschung in Social Media postet. 

Das ist nicht nur ein Zeichen für Unsicherheit, sondern vor allem für aktive Selbstverzerrung. Die wird als solche nicht wahrgenommen. Wenn es alle tun, ist es normal. 

Handys haben Beauty-Filter vorinstalliert

Der User wählt, wie er sich aufhübschen will. Es geht allerdings noch krasser: Bis 2018 war bei vielen Android-Handys, besonders bei asiatischen Modellen, ein Beautyfilter bereits automatisch aktiv. Dein Selfie wurde automatisch aufgehübscht, du hast das gar nicht gemerkt. 

Heute tun es die Selfie-Smombies ganz bewusst und genauso schambefreit wie sie sich in aller Öffentlichkeit bei Selfie-Shootings inszenieren. 

Als Kim Kardashian-Avatar im Firmen-Intranet

Kürzlich haben mich Kunden wegen einer Selfie-Opfer-Kollegin angesprochen. Die Dame in Führungsposition hatte ein neues Profilbild im Intranet veröffentlicht. Auf dem Bild hatte sie 40 Zentimeter längere Haare, die Haut einer Zweijährigen und sah wie Kim Kardashian aus. Meine Kunden fragten mich, wie sie damit umgehen sollten. 

Ich riet, der Dame Komplimente für ihre digitale Kompetenz und die Erstellung eines KI-Avatars zu machen. 

Gleichzeitig empfahl ich, sie liebevoll darauf hinweisen, dass neue Kollegen sie eventuell mit diesem Foto bei Videocalls nicht auf Anhieb erkennen würden und der Avatar ihrer natürlichen Schönheit um einiges nachhinke. 

Herr, wirf Hirn herab, du weißt auf wen!

Mir fällt nichts Gewaltfreieres ein zu solchen Themen. Falls du eine Idee hast, schreib mir gerne! Das ist doch per se einfach nur unfassbar in Summe, oder?

KI-Avatare: Self-befriedigung eines Stereotyps  

Die neuen KI-Avatar-Apps vergrößern alle deine Augen, deine Lippen und verkleinern deine Nase. Ich habe das ausprobiert. Schau mal, hier ist ein KI-Avatarbild von mir. Ich habe die KI-App Remini mit einer Handvoll Selfies gefüttert und das ist dabei herausgekommen. 

KI Avatar von Anitra Eggler gemacht mit der KI-App Remini

Das ist mein KI-Avatar. Die App hat automatisch meine Haut geglätteet, meine Augen vergrößert, meine Wimpern maximal verlängert, meine Nase geschmälert, meine Lippen aufgeplustert und meine Züge weichgespült. Das entspricht dem Stereotyp der aktuellen Insta-Filter-Beauty. Fotocredit: KI-App Remini

Ich erkenne mich in diesem Bild wieder. Natürlich gefällt mir mein Superwoman-Look. Mir ist jedoch bewusst, dass ich das nicht bin, sondern ein Bildnis, das von einer künstlichen Intelligenz hergestellt wurde, in dem diese KI alle Zutaten des aktuellen Beauty-Stereotyps angewendet hat.  

Oftmals ist es so, dass unser Avatar uns nur noch ganz entfernt ähnlich sieht. Wenn einem das bewusst ist, wenn man ganz bewusst ein artifizielles Abbild von sich schafft, eine Ikone, eine Bildmarke, dann empfinde ich das als ok. Wer irgendwie in der Öffentlichkeit steht in diesen Zeiten, hat automatisch ein mediales und ein privates Ich.

Der digitale Doppelgänger ist eine Bildmarke

Da wir alle durch Social-Media in der Auslage stehen, haben wir alle einen digitalen Doppelgänger, den wir führen müssen wie eine Marke
Wenn Menschen jedoch glauben, sie sehen tatsächlich so aus, wie der KI-Avater, ist das problematisch und führt zwangsweise zu einem Realitätsschock. 

Was hilft? 
Wir Menschen helfen einander. 
Wir brauchen einander als natürliche Filter. 
Wir Menschen müssen mit empathischer Intelligenz das Korrektiv für die künstlichen Werke der digitalen Intelligenzen sein. Ein gesundes Selbstbild fordern, fördern und vorleben ist essenziell für Selbstwert und Selbstbewusstsein. 

#nofilter-Trend auf Instagram ist fake

Gestern habe ich gelesen, dass immer mehr Influencerinnen ihre abartigen Fotobearbeitungen beichten und jetzt wieder verstärkt auf einen #nofilter-Look setzen. 

Genannt wurde zwei Influencerinnen, deren Namen ich bereits wieder vergessen habe. Da war ich kurz neugierig und habe mich in die Vorher-Nachher-Bilder reingeklickt.

Soll ich dir was sagen? Ich habe keinen Unterschied gesehen. Vorher- und Nachher-Bilder waren zwar Bilder mit wenig Make-up, aber gefiltert ohne Ende. 

Woher kommt das falsche Selbstbild?

Ich glaube, es ist hier ein ähnlicher Effekt zu bemerken wie bei Menschen, die in die Botox- und Filler-Falle tappen und deren Gesicht irgendwann keine Ähnlichkeit mehr hat mit dem Gesicht, mit dem sie geboren wurden. Die Menschen verlieren sowohl die Scham als auch die Wirklichkeitsgrenze. 

Warum sind Selfie-Smombies so schambefreit?

Warum machen Menschen so schambefreit teilweise stundenlang peinliche Selfies in der Öffentlichkeit? Für die jüngeren habe ich eine Erklärung. Kann es sein, dass sie keine Scham entwickeln konnten, weil ihr erstes Selbstbild durch Selfies entstanden ist, die die Eltern mit ihnen gemacht haben?

Und die Älteren? Die machen digital oft alles nach, was die Jüngeren machen, weil sie glauben, das sei digital digitale kompetent – „die sind ja damit aufgewachsen“. Was die Älteren übersehen, ist, dass sich die jüngeren digital alleine erzogen haben und Instagram, Snapchat und TikTok ihre digitale Erziehung mehr beeinflusst haben als ihre Eltern. 

Ich habe mir einige Interviews zu dem Thema durchgelesen. Bei Psychologen und Soziologen, die darüber schreiben, merkt man einfach zu oft, dass sie Social Media selbst nicht nützen und die Suchtwirkung und Sogwirkung von Social Media und Selfies nicht am eigenen Leib erlebt habe. Viele sprechen davon, dass Jugendliche ihre Bilder mit Photoshop bearbeiten. 

Photoshop? Besser kann man nicht kundtun, dass man sich mit der digitalen Realität nicht auskennt. 

Kein Jugendlicher hat jemals Photoshop benutzt. Lizenz ist viel zu teuer. Programm ist viel zu kompliziert. Das erledigt heute alles eine App. Oder der Beauty-Filter, der in der Kamera bereits drin ist. 

Die Interviews, die ich in Qualitätsmedien gelesen haben, schienen mir meist voller Vorurteile aus Zeiten, die gar nicht mehr existieren. Der Tenor war eine kulturpessimistische Verwunderung, die man aber nicht offensiv kundtun wollte, um nicht als digitaler Verweigerer dazustehen. Deshalb wurde stets betont, dass das Selbstportrait ja seit Jahrhunderten zur menschlichen Kultur gehöre und das deshalb heute irgendwie schon abartig, aber in Summe auch irgendwie normal sei. Aha.

Danke für den Tipp. Hilft echt nicht weiter.

Ich verstehe, dass da oft die Kompetenz für praxisnahe Tipps und Erkenntnisse fehlt. Die meisten Tageszeitungs-Interviewpartner-Wissenschaftler wurden auch nicht von schöngefilterten Rollenmodellen in ihrer Menschwerdung beeinflusst und digital völlig medienkompetenzfrei erzogen. Die Journalisten auch nicht. Genau das merkt man.

Die, die am ehrlichsten über alle Schattenseiten des Selfismo unserer Zeit  schreiben und über die diversen Suchtproblematiken, das sind die, die darunter leiden und den Selbstdarstellungsdruck nicht mehr aushalten:

Die Influencer, die Teenager, die echt Betroffenen vom Fake-Selbstbild unserer Zeit. 

Gut und grauenvoll ist es, dass praxisnaher Rat nicht von den Wissenschaftlern, sondern von den Menschen kommt, die an diesen Trends eigentlich Geld verdienen: Schönheitschirurgen, die Alarm schlagen, weil immer jüngere Menschen immer krassere Eingriffe in ihr natürliches Aussehen fordern. 

Sängerin Cristina Aguilera hat diesem Thema eine blutige Neuauflage ihres Songs „Beautiful“ gewidmet. Hier ist das Musik-Video. Wenn du bis hier gelesen hast, dann kannst du das auch bis zum Ende gucken. Es ist nicht beautiful, aber es lohnt sich. 

Das blutige Musik-Video von Cristina Aguilera


Selfie-Harm: Beängstigende Selfie-Sitten

Oder Glamour-Fotograf Rankin. Der Brite hat natürliche Fotos von Jugendlichen zwischen 13 und 18 gemacht. Dann gab er den Teenagern 5 Minuten Zeit, um ihre Bilder so zu bearbeiten, dass sie möglichst viele Likes in Social Media dafür bekommen. Das ist eines von vielen Ergebnissen. 

Ein Vorher-Nachher-Foto aus der Ausstellung „Selfie-Harm“ des Fotografs Rankin. Copyright: Ranking Photography Ltd

Vorher-Nachher-Foto aus der Ausstellung „Selfie-Harm“ des Fotografs Rankin. Copyright: Ranking Photography Ltd.

Das Fotoprojekt war Teil der Ausstellung „Visual Diet“ in London. Ranking selbst bezeichnet das Ergebnis als „beängstigend“. Die Jugendlichen verschönerten sich in Sekundenschnelle. Manche teils bis zur Unkenntlichkeit. 

„‚Selfie Harm’ ist mein Versuch, die Leute dazu zu bringen, über die Dinge zu sprechen, die die psychische Gesundheit der Jugendlichen gefährden“, sagt Rankin über sein Projekt.

Selbstbewusstsein versus Selbstoptimierung

 „Selfies zeigen weniger, wie du in Wirklichkeit aussiehst, sondern viel mehr, welchem Prominenten du ähnlich sehen möchtest“, sagt der Fotograf. Wenn wir uns wünschen, dass wieder mehr Menschen im Laufe ihres Lebens sich selbst immer ähnlicher werden wollen, dann brauchen wir Menschen, die vorleben, wie Selbstsicherheit ohne Selbstinszenierung funktioniert. 

Ich hoffe, meinen Gedanken zum Thema haben dich inspiriert. Hier kommen Tipps zum Vorleben und Alternativen für Selfie-Zombies. 

7 Soforthilfe-tipps gegen selfie-wahn

Selfie-Wahnsinn: Anitra Eggler zeigt das Wort Selfie in einem Bilderrahmen.

Dieses Selfie ist unbearbeitet. Grund für mein relativ faltenfreies Aussehen ist die starke gute Beleuchtung in meinem Studio. 

1

Biete dich als Fotograf*in an

Wann immer du Menschen siehst, die Selfies machen, biete dich als Fotograf*in an.

 

2

Spende kritisches Feedback, mach liebevolle Komplimente

„Bist du das? Da habe ich dich fast nicht erkannt!“. Dieser Satz kann einen Realitätsschock auslösen. Sei vorsichtig im Gebrauch. Sag Menschen einfach auf liebevollste Art, wenn sie ihren Profilbildern nicht mehr ähnlich sehen. 

Das macht es leicht: Frag, ob das Bild ein KI-Avatar ist. Lobe die artifizielle Schönheit des Avatars als neue künstlich intelligente Kunstform und sage im gleichen Atemzug, dass du die natürliche Schönheit des Menschen noch vieeeeeeel schöner findest.

Je mehr Komplimente Menschen für ihre ungeschönten ungeschminkten Bilder erhalten, desto selbstsicherer werden sie wieder, desto weniger Selfie-Filter werden sie einsetzen. 

3

Kamera aus, Leben an

Immer, wenn du den Drang verspürst, einen Moment zu fotografieren, weil er so liebens- und erlebenswert ist, dann mach erstmal ganz in Ruhe ein sinnliches Foto davon.

Fotografiere den Moment einfach nur mit deinen Sinnen: Was siehst du? Was ist es, was du siehst? Was hörst du? Wie riecht dieser Augenblick? Wie fühlt er sich an? Welche Temperatur haben deine Hände gerade (nicht dein Handy ;)? Wenn dieser Moment einen Geschmack hätte, wie würdest du ihn beschreiben? Willst du den Moment dann immer noch aufnehmen, dann fotografiere ihn, anstatt einfach nur zu knipsen.

4

Hör auf zu knipsen, fang an zu fotografieren

Knipsen ist schnell und reflexhaft. Fotografieren ist achtsam, qualitätsbewusst und konzentriert.  Widerstehe dem Drang und dem Reflex, alles aufzunehmen, was so aussieht, als würde es dein Leben attraktiver aussehen lassen. Hör auf zu knipsen!

Dieser Gedanke hilft: 99 Prozent aller Handyfotos sind Datenmüll, die deinen CO₂-Fußabdruck vergrößern und sinnlos Speicherplatz blockieren.

5

Lebensfreude ist der beste natürliche Filter

Glückliche Menschen sind die schönsten! Oder hast du schon mal einen glücklichen Menschen gesehen, der nicht schön war? Mach dich und andere natürlich glücklich, dann brauchen wir kein künstliches Glück mehr auf Selfies zu inszenieren. 

Dieser Satz macht die Welt schöner: Teile ihn. Lass andere Menschen wissen, dass sie am schönsten und attraktivsten sind, wenn sie glücklich sind. 

6

Verpasse dir ein Foto-Budget

Ich wünsche dir jeden Tag einen Moment, der so erlebenswert ist, dass du dein Handy vergisst. Ich wünsche dir jeden Tag einen Moment, der so sehenswert ist, dass du ihn fotografierst. 

Jeden Tag ein Foto oder ein Foto-Jahresbudget von 365 Bildern. Welche Motive sind es wirklich wert, dass du sie fotografierst? Verpass dir ein Foto-Budget und verschwende es sparsam! Wenn der Sofortness-Zombie aka „Sofortie“ auf den Selfie-Zombie trifft, führt das in eine weitere Spirale des Schreckens.

Wer sofort postet, verpasst nicht nur den Moment des Fotos, sondern auch alle danach, weil man gierig auf Likes wartet und immer wieder checkt, wie viele eintreffen.

 Sofortness ist Stress. Lass dir Zeit. Wähle bewusst aus, was du postest und wann du postest.

Hierfür gibt es eine Regel:

7

Nicht sofort posten. Niemals.

Wenn du das tust, verpasst du und vermiest du dir im Zweifelsfall jeden weiteren schönen Moment. Der Grund für sofortiges Posten ist nicht das Foto. Der Grund ist, dass du Likes willst. Sei dir dessen bewusst und such dir alternative Glücksspender. Das einzige, was du verpassen kannst, wenn du ständig alles sofort postest, ist das Wertvollste im Leben: das Leben selbst.

Stichwort Konzerte. Wie viele Menschen bekommen heutzutage vom eigentlichen Konzert nichts mit, weil sie nur als freiwillige Handyreporter vor Ort sind? Wozu? Um verwackelte Musikvideos aus maximaler Distanz in den Äther der Unwichtigkeit posten, sich selbst dabei um den Event-Genuss und den Hintermann um freie Sicht auf die Bühne bringen.


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Spannende Selfie-Studien 

  


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Anitra Eggler ist Web-Veteranin und Digital-Detox-Pionierin, sie bringt Menschen und Unternehmen in Screen-Life-Balance. Der ORF bezeichnet die Digitalisierungsexpertin als „die gefragteste weibliche Stimme zur Digitalisierung“, ihre Mutter nennt sie „Fräulein Fröhlich“. Anitras Auftritte als Keynote Speakerin, ihre Bürokrieger*innen-Bootcamps und Bücher haben bereits über 250.000 Menschen begeistert und humorvoll digitaltherapiert.

Anitra wurde 1973 in Karlsruhe geboren, startete ihre Karriere als Todesanzeigentexterin in Buenos Aires, war in den 90er-Jahren als Journalistin erfolgreich und zählte als Startup-Managerin zur Medien-Avantgarde der ersten Generation der Digitalwirtschaft. 2011 wurde sie durch ihren ersten humorvollen Digitalisierungsratgeber „E-Mail-macht dumm, krank und arm“ zur Digital-Detox-Pionierin.

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